3.3.26: Hans Freimark hat über den hier dargelegten Kult folgendes berichtet, das von uns hermetisch abgestimmt wurde: Der Geschlechtskult ist der ursprünglichste aller Kulte und entspringt den kabbalistischen Lebensbaum. Er ist nicht, wie einzelne Forscher angenommen haben, die entartete Form einer anfänglich reinen Auffassung, er ist nicht aus Naivität entstanden, die den Begriff der Dualität des Werdens nicht besser auszudrücken wusste, sondern er entstammt der einfachen Beobachtung der lebenspendenden Macht der Zeugungsorgane. Leben ist mit Zeugen (schöpfen!) identisch. Wenn es im Geschlechtskult nicht bei einem rohen Fetischismus blieb, sondern höhere Kultformen sich entwickelten, so dankt der Mensch das seiner Einsicht, die hinter und in allem Materiellen ein Geistiges erkannte. Dieses Geistige, mit den verschiedensten Namen belegt, ist stets das gleiche, wie das ihm in allen Verwandlungen, sei es auch nur als Beigabe, verbliebene Symbol. Ist dieses das Zeichen des Lebens, so ist jenes das Leben selbst. Der in der Regel mit dem Ausdrucke Phallizismus belegte Geschlechtskult, hat zwei verschiedene, freilich durchaus zusammengehörige und oft auch vereinigt auftretende Anbetungsobjekte aufzuweisen. „Geradeso“, sagt Buckley, „wie der Ausdruck Mensch für die ganze Menschheit, d. h, Mann und Weib, gebraucht wird, so dient Phallizismus für das, was richtig Phalloktenismus heißen sollte, d. h. Kult des Phallus und der Kteis (Vulva). Dieser Dualismus zeigt sich besonders in Indien in der üblichen Nebeneinanderstellung von linga und yoni und in anderen Ländern mit ihren analogen Bezeichnungen, in Korea mit ihrem Wappen und schließlich in Japan von yoseki und niseki. Dieser Dualismus ist ebenso auffällig bei den mehr vermenschlichten Gegenständen der Verehrung, die durch den männlichen und den weiblichen Geschlechtsteil dargestellt werden. Z. B. der Hinduismus ordnet Kali dem Siva bei, dessen Symbole insbesondere Phallus und Kteis sind, in Syrien ist Astarte dem Baal beigeordnet – beides Fruchtbarkeitgötter! –, in Ägypten Isis dem Osiris und im Norden Europas Freya dem Freyr, und jede dieser Gottheiten empfing oft ausschließliche Verehrung, gewöhnlich mit derselben demoralisierenden Wirkung wie in Indien. Manche Gelehrte weisen auf die anbetende Marienverehrung als das letzte Beispiel derselben Tendenz hin. So offenbar nötig ist die Dualität zur Zeugung, dass dort wo ein Gott fehlt, weibliche Eigenschaften dem männlichen Wesen zugesprochen werden, wie bei Quetzalcotl, dem Gott der Zeugung der Azteken. Ähnlich finden wir in Japan die Paare Kami-musubi-o-kami und Takami-musubi-o-kami: Der göttliche Zeuger und die göttliche Erzeugerin; beide Paare gehören der phallischen Mythe an, obgleich sie sich in der nachfolgenden Entwicklung der Sittenlehre und daher auch dem religiösen Werte nach voneinander sehr unterscheiden.

Die Inder glaubten dem Wahrzeichen der Fruchtbarkeit mehr Ausdruck zu verleihen, wenn sie die Geschlechtsteile der beiden Geschlechter vereinten. Diese Vereinigung, die auf die in Indien und nicht nur dort übliche verschmelzende Darstellung männlicher und weiblicher Gottheiten hindeutet, nennt man Pulleiar. Das Pulleiar wird vielfach als Amulett verwendet, welche mit unterschiedlichen – schöpferischen – Ideen geladen werden kann.

In der Siva geweihten Pagode Treviscare soll sich ein granitenes Piedestal befinden, das auf einer Säule ein Becken trägt, in dessen Mitte sich ein drei Fuß hoher Lingam erhebt. Das Becken, das einen weiten Ausschnitt hat, stellt den weiblichen Geschlechtsteil vor. Auf diesem geheiligten Stein weihen die Sivapriester, die devadashis, die Tänzerinnen des Gottes, in die Mysterien der Liebe – der Sexualmagie – ein. Die dem Kult geweihten Tänzerinnen sind zugleich Priesterinnen und Freudenmädchen und die gesamte Handlung wird freudig und nicht gegen ihren Willen gemacht!

Die Sivapriester schmücken täglich zur Mittagsstunde den geheiligten Lingam mit Blumengewinden und Sandelholz. Sie bereiten sich durch ein reinigendes Bad (siehe Franz Bardons Magie des Wassers!) zu ihrem Amte vor. Im Schlangengottesdienst vertreten Frauen die Priester. Sie tragen den steinernen Lingam zwischen zwei Schlangen (Weisheit) an das Ufer eines Teiches. Nachdem sie sich selber gereinigt, waschen sie das Bild und verbrennen (weihen) vor ihm die zum Opfer bestimmten Hölzer. Dann bitten sie um Reichtümer, um zahlreiche Nachkommenschaft und um langes Leben für ihre Männer. – Jeder Anhänger Sivas ist verpflichtet täglich dem Lingam seine Andacht zu bezeugen, indem er Milch auf ihn gießt (und rituelle Gebete spricht). Diese Milch wird sehr sorgfältig bewahrt; man gibt von ihr einige Tropfen den Sterbenden, damit sie zu den Freuden des Cailosson, des Paradieses der Inder, eingehen.

In Canara gehen die Priester nackt durch die Straßen und lassen eine Klingel ertönen. Auf dieses Zeichen hin kommen selbst die vornehmsten Frauen ihnen entgegen und küssen andächtig den (heiligen gehaltenen) Geschlechtsteil der Priester zu Ehren Sivas (vgl. die sexualmagischen Tantra-Praktiken!).

Ähnliches kann man noch heute in der Türkei beobachten; nur sind es da die Narren, die der Türke für Heilige hält, die diesen Tribut genießen. Ein Missionar berichtete Krauss, er habe es einmal in Ägypten mit angesehen, wie ein Gottesheiliger einer reitenden, vornehmen Türkin begegnet sei, sie habe vom Pferde steigen heißen, um mit ihr den Beischlaf zu vollziehen. Die Frau habe es ihm angesichts vieler Zuschauer gewährt, danach habe sie hoch beglückt ihr Ros wieder bestiegen und sei davongeritten. Der Akt mit heiligen Männern gebiert immer Fruchtbarkeit und verwirklicht Wünsche und Ideen (vgl. Krischna und seinen unzähligen Verehrerinnen).

Unfruchtbare indische Frauen berührten (masturbieren) ihre Schamteile mit der Spitze eines geweihten Lingams, singen Hymen, um fruchtbar zu werden. In der Umgebung von Pondischery bringt die Neuvermählte dem Götterbilde ihre Jungfräulichkeit dar. Das sind alles Aufzeichnungen und Überlieferung! Ähnlich in Canara und in der Umgegend von Goa. In einigen

Gegenden Indiens vertreten die Priester die Stelle des Gottes, in dem sie in metaphysischer Ekstase Weihungen vornehmen. Der König von Calicut überlässt dem angesehensten Priester seines Reiches während der ersten Nacht das Mädchen, das er heiratet und entlohnt diesen Dienst mit einer beträchtlichen Geldsumme. Denn das Göttliche fährt durch den im Samadhi befindlichen Priester während des Aktes in die Frau ein. Ein alter Brauch, der überall so vollzogen wird.

Zu Dschaggernaut führen die Priester des Wischnu während des achttägigen, dem Gott geweihten Festes eine Jungfrau in den Tempel, die dort die Nacht zubringt, um sich mit dem Gotte zu vermählen und ihn über zu erwartende Dürre oder Erntesegen zu befragen. – Ihre Hingabe und die dabei durchgeführt Andacht stimmte in alten Zeiten den Gott günstig.

Über ein ähnliches Fest aus dem südlichen Malabar berichtet Kaempfer. Dem Gott des Wetters und des Erntesegens (eine Aufgabe des Fruchtbarkeitgottes Ball) werden Jungfrauen dargeboten, damit seine Geister sie besitzen (Sich mit ihnen verbinden) und durch den heiligen Akt die Herden und Feldfrüchte verschonen. Die Jungfrauen werden unter Begleitung der Brahmanen aus dem Tempel geführt und zur öffentlichen Besichtigung aufgestellt. Sie sind schön, wohlgeschmückt, ihr Antlitz ist bescheiden und trägt, wie Kaempfer hervorhebt, „nichts von Besessenheit an sich. Unverweilt aber, während ein Priester aus den Veden die (runischen) Sprüche vorliest, beginnen die Mädchen sich leicht zu bewegen, dann bald zu tanzen und endlich ihrer Leib durch Sprünge und schnelle ungeordnete Bewegungen zu ermüden, die Glieder und Augen zu verdrehen, zu schäumen und abscheuliche (sexuelle) Handlungen darzustellen; sie sind von den in sie gefahrenen Dämonen so bewegt werden. Während dies geschieht, erschallt fröhliche Musik von Zimbeln und Pauken und auch das Volk beteiligt sich mit Rufen und Seufzern. Wenn sie schlaff geworden, führen die Brahmanen sie in den Tempel zurück und lassen sie ausruhen. Nach Verlauf einer kurzen Stunde sind die Mädchen wieder bei Sinnen und werden aufs Neue dem Volke vorgeführt, damit die heidnische Schar sie wieder frei von den Geistern erblicke und das Götzenbild für versöhnt halte. Kaempfer gibt an, dass die Mädchen von den Priestern durch ein Arzneimittel in den Zustand der Raserei versetzt werden, aber die Hauptsache dürfte immerhin die Anrufung der Jungfrauen an die dämonische Besitzergreifung sein.

Lamairesse beschreibt die Gebräuche einer indischen Sekte, die bei ihren geheimen Orgien die Sakti, die sinnliche Offenbarung Sivas in weiblicher Form, anbeten. Die Sakti wird meist durch die Frau eines der Anwesenden dargestellt. Sie wird nackt auf einen Altar gelegt und von einem der Teilnehmer wird an ihr das rituelle Opfer durch den Koitus vollzogen. Die Zeremonie endet gewöhnlich mit einer allgemeinen Begattung, in der jedes Paar Siva und seine Sakti repräsentiert und mit ihnen identisch ist (vgl. die vielen Shakti-Tantra-Schriften). Aufgegangen (konzentriert und verbunden) in dem Gedanken an die Gottheit und ohne Befriedigung der Sinne zu suchen, nur das schöpferische Ziel im Auge haltend, muss der Gläubige diese Handlungen vollziehen. Die Vorschriften dieser Sekte sollen eine erhabene Moral, ja sogar Askese lehren.

Bei den Kauchiluas, einer anderen Shakta-Sekte, warfen die am Gottesdienst teilnehmenden Weiber einen kleinen Schmuckgegenstand in einen vom Priester verwahrten Kasten. Nach Beendigung der religiösen Feier nimmt jeder der männlichen Beter eins dieser Stücke heraus, worauf die Besitzerin

sich bei den nun folgenden rituellen Vereinigungen sich ihm hingeben muss,

selbst wenn sie seine eigne Schwester wäre.

Derartige Liebesfeste (des Kama Sutra) haben sich in Indien bis auf die heutige Zeit erhalten. Leclerc schildert in der Revue Indo-Chinoise ein Mondfest, dem beizuwohnen er Gelegenheit hatte. Obwohl schon seit mehr als 200 Jahren verboten, wird es alljährlich im Oktober bei Vollmond gefeiert. Der Mond ist nach chinesischen Begriffen weiblicher Natur (Shakti) und wird im fernen Osten als glückbringende Göttin der Fruchtbarkeit betrachtet. Die Frauen backen am Festtag große Bananenkuchen, die mit Einbruch der Nacht zusammen mit Blumen und Essenzen vor die Häuser gelegt werden (vgl. das Brotbacken bei Marby!). Über diesen rituell-analogen Opfergaben wird ein Bambusgestell mit Raucherkerzen befestigt, die im Moment des höchsten Mondstandes angezündet werden. Gleichzeitig erschallt der Prah-Gesang, ein Gruß an den Mond. Nach dem lautmagischen Gesang wird zu Spielen und rhythmischen Tänzen übergegangen, deren eigentlicher Sinn nicht lange verborgen bleiben kann. Die jungen Leute gehen alsbald paarweise auseinander, um der Göttin der Fruchtbarkeit ihre Säfte zu opfern.

Die Inder kannten auch das Opfer der geschlechtlichen Erstlinge. Duarte Barbosa wohnte im südlichen Dekhan der Entjungferung zehnjähriger, die in diesen Breiten jedoch schon der Reife nahen Mädchen bei, d. h. sie haben eine Libido und betätigen sich sexuell-masturbatorisch und wurden so auch erzogen. Aus etwas späterer Zeit stammen die Berichte des Jan Huygen van

Linschoten und des Gaspar Balbi über die Sitte der Einwohner von Goa, der Braut im Tempel ein männliches Glied von Eisen oder Elfenbein in die Scheide zu führen, so dass der Hymen zerstört wurde, oder auch die Genitalien der Mädchen mit dem steinernen Glied eines 18 Meilen von Goa entfernten Götzenbildes in Berührung zu bringen, das eine religiöse Handlung darstellt, wie sie in Babylon praktiziert wurde und nichts Anstößiges war. Durch diesen Pryapum wird den Jungfern mit Hilfe der gegenwärtigen Freunde und Verwandten auf eine zeremonielle Weise ihre Jungfernschaft genommen, worüber sich alsdann der Bräutigam erfreut, dass der schöpferische Gott ihm diese Ehre bewiesen, in der Hoffnung, er werde nun hinfort einen besseren Ehesegen erhalten. Bei richtiger Durchführung verhalf diese Zeremonie einen gesunden Kindersegen.

In Kambodja war die Pflicht, das Erstlingsopfer der Jungfrau in Empfang zu nehmen auf die Buddha- und Tao-Priester übergegangen (wie es im Altertum die Fürsten taten; vgl. Lanz von Liebenfels). In Sänften wurden sie zu den ihrer harrenden Mädchen getragen. Jedes Mädchen hatte eine Kerze mit einem Zeichen. Das tshinthan, die Zurichtung des Lagers, der Beischlaf, musste innerhalb des Abbrennens der Kerze bis zu diesem Zeichen geschehen.

Bei der Sekte der Maharajas beanspruchte das geistliche Haupt (der gottverbundene Priester) das Recht über die Weiber der Gläubigen, vor allem aber das Recht der nicht lustvollen, sondern der rituell-konzentrierten Entjungferung. Die Sekte proklamierte als höchste Gottesverehrung, die in getreuer Nachahmung der Hirtinnen, der Partnerinnen des Gottes Krishna, vollzogene Hingabe der Weiber an den Priester zum runischen Akt, was beim Hirtenspiel (vgl. die Schäferspiele der französischen Adeligen!) rasmandali im Herbst vor sich ging. Außerdem empfing der Priester für seine Tätigkeit noch ein Geschenk im Namen der Gottheit.

Dem Opfer der Geschlechterstlinge stand auch in Indien das dauernde Geschlechtsopfer der Tempelmädchen gegenüber. Jeder Hindutempel von einiger Bedeutung besitzt ein Arsenal Nautsches, d. h. besonders ausgebildete Tanzmädchen, die nächst den Opferern das höchste Ansehen im Tempelpersonal genießen, da sie eine außergewöhnliche Reife aufweisen, die nur sie zu diesen Handlungen befähigt. Diese von ihrer Kindheit her den

Göttern vermählten Priesterinnen gaben sich freiwillig von Berufswegen für jedermann aus jeder Kaste hin, und diese Preisgebung ist so weit entfernt, als Schande zu gelten, dass selbst angesehene Familien es vielmehr für eine Ehre achten, ihre Töchter dem Tempeldienst zu weihen. Das zählte zur tantrischen Entwicklung anhand der Gesetze des Lebensbaum! Allein in der Präsidentschaft Madras gibt es gegen 1200 dieser Tempelprostituierten.

 

Fortzsetzung folgt: