3.3.26: Hans Freimark hat über den hier dargelegten Kult folgendes berichtet, das von uns hermetisch abgestimmt wurde: Der Geschlechtskult ist der ursprünglichste aller Kulte und entspringt den kabbalistischen Lebensbaum. Er ist nicht, wie einzelne Forscher angenommen haben, die entartete Form einer anfänglich reinen Auffassung, er ist nicht aus Naivität entstanden, die den Begriff der Dualität des Werdens nicht besser auszudrücken wusste, sondern er entstammt der einfachen Beobachtung der lebenspendenden Macht der Zeugungsorgane. Leben ist mit Zeugen (schöpfen!) identisch. Wenn es im Geschlechtskult nicht bei einem rohen Fetischismus blieb, sondern höhere Kultformen sich entwickelten, so dankt der Mensch das seiner Einsicht, die hinter und in allem Materiellen ein Geistiges erkannte. Dieses Geistige, mit den verschiedensten Namen belegt, ist stets das gleiche, wie das ihm in allen Verwandlungen, sei es auch nur als Beigabe, verbliebene Symbol. Ist dieses das Zeichen des Lebens, so ist jenes das Leben selbst. Der in der Regel mit dem Ausdrucke Phallizismus belegte Geschlechtskult, hat zwei verschiedene, freilich durchaus zusammengehörige und oft auch vereinigt auftretende Anbetungsobjekte aufzuweisen. „Geradeso“, sagt Buckley, „wie der Ausdruck Mensch für die ganze Menschheit, d. h, Mann und Weib, gebraucht wird, so dient Phallizismus für das, was richtig Phalloktenismus heißen sollte, d. h. Kult des Phallus und der Kteis (Vulva). Dieser Dualismus zeigt sich besonders in Indien in der üblichen Nebeneinanderstellung von linga und yoni und in anderen Ländern mit ihren analogen Bezeichnungen, in Korea mit ihrem Wappen und schließlich in Japan von yoseki und niseki. Dieser Dualismus ist ebenso auffällig bei den mehr vermenschlichten Gegenständen der Verehrung, die durch den männlichen und den weiblichen Geschlechtsteil dargestellt werden. Z. B. der Hinduismus ordnet Kali dem Siva bei, dessen Symbole insbesondere Phallus und Kteis sind, in Syrien ist Astarte dem Baal beigeordnet – beides Fruchtbarkeitgötter! –, in Ägypten Isis dem Osiris und im Norden Europas Freya dem Freyr, und jede dieser Gottheiten empfing oft ausschließliche Verehrung, gewöhnlich mit derselben demoralisierenden Wirkung wie in Indien. Manche Gelehrte weisen auf die anbetende Marienverehrung als das letzte Beispiel derselben Tendenz hin. So offenbar nötig ist die Dualität zur Zeugung, dass dort wo ein Gott fehlt, weibliche Eigenschaften dem männlichen Wesen zugesprochen werden, wie bei Quetzalcotl, dem Gott der Zeugung der Azteken. Ähnlich finden wir in Japan die Paare Kami-musubi-o-kami und Takami-musubi-o-kami: Der göttliche Zeuger und die göttliche Erzeugerin; beide Paare gehören der phallischen Mythe an, obgleich sie sich in der nachfolgenden Entwicklung der Sittenlehre und daher auch dem religiösen Werte nach voneinander sehr unterscheiden.

Die Inder glaubten dem Wahrzeichen der Fruchtbarkeit mehr Ausdruck zu verleihen, wenn sie die Geschlechtsteile der beiden Geschlechter vereinten. Diese Vereinigung, die auf die in Indien und nicht nur dort übliche verschmelzende Darstellung männlicher und weiblicher Gottheiten hindeutet, nennt man Pulleiar. Das Pulleiar wird vielfach als Amulett verwendet, welche mit unterschiedlichen – schöpferischen – Ideen geladen werden kann.

In der Siva geweihten Pagode Treviscare soll sich ein granitenes Piedestal befinden, das auf einer Säule ein Becken trägt, in dessen Mitte sich ein drei Fuß hoher Lingam erhebt. Das Becken, das einen weiten Ausschnitt hat, stellt den weiblichen Geschlechtsteil vor. Auf diesem geheiligten Stein weihen die Sivapriester, die devadashis, die Tänzerinnen des Gottes, in die Mysterien der Liebe – der Sexualmagie – ein. Die dem Kult geweihten Tänzerinnen sind zugleich Priesterinnen und Freudenmädchen und die gesamte Handlung wird freudig und nicht gegen ihren Willen gemacht!

Die Sivapriester schmücken täglich zur Mittagsstunde den geheiligten Lingam mit Blumengewinden und Sandelholz. Sie bereiten sich durch ein reinigendes Bad (siehe Franz Bardons Magie des Wassers!) zu ihrem Amte vor. Im Schlangengottesdienst vertreten Frauen die Priester. Sie tragen den steinernen Lingam zwischen zwei Schlangen (Weisheit) an das Ufer eines Teiches. Nachdem sie sich selber gereinigt, waschen sie das Bild und verbrennen (weihen) vor ihm die zum Opfer bestimmten Hölzer. Dann bitten sie um Reichtümer, um zahlreiche Nachkommenschaft und um langes Leben für ihre Männer. – Jeder Anhänger Sivas ist verpflichtet täglich dem Lingam seine Andacht zu bezeugen, indem er Milch auf ihn gießt (und rituelle Gebete spricht). Diese Milch wird sehr sorgfältig bewahrt; man gibt von ihr einige Tropfen den Sterbenden, damit sie zu den Freuden des Cailosson, des Paradieses der Inder, eingehen.

In Canara gehen die Priester nackt durch die Straßen und lassen eine Klingel ertönen. Auf dieses Zeichen hin kommen selbst die vornehmsten Frauen ihnen entgegen und küssen andächtig den (heiligen gehaltenen) Geschlechtsteil der Priester zu Ehren Sivas (vgl. die sexualmagischen Tantra-Praktiken!).

Ähnliches kann man noch heute in der Türkei beobachten; nur sind es da die Narren, die der Türke für Heilige hält, die diesen Tribut genießen. Ein Missionar berichtete Krauss, er habe es einmal in Ägypten mit angesehen, wie ein Gottesheiliger einer reitenden, vornehmen Türkin begegnet sei, sie habe vom Pferde steigen heißen, um mit ihr den Beischlaf zu vollziehen. Die Frau habe es ihm angesichts vieler Zuschauer gewährt, danach habe sie hoch beglückt ihr Ros wieder bestiegen und sei davongeritten. Der Akt mit heiligen Männern gebiert immer Fruchtbarkeit und verwirklicht Wünsche und Ideen (vgl. Krischna und seinen unzähligen Verehrerinnen).

Unfruchtbare indische Frauen berührten (masturbieren) ihre Schamteile mit der Spitze eines geweihten Lingams, singen Hymen, um fruchtbar zu werden. In der Umgebung von Pondischery bringt die Neuvermählte dem Götterbilde ihre Jungfräulichkeit dar. Das sind alles Aufzeichnungen und Überlieferung! Ähnlich in Canara und in der Umgegend von Goa. In einigen

Gegenden Indiens vertreten die Priester die Stelle des Gottes, in dem sie in metaphysischer Ekstase Weihungen vornehmen. Der König von Calicut überlässt dem angesehensten Priester seines Reiches während der ersten Nacht das Mädchen, das er heiratet und entlohnt diesen Dienst mit einer beträchtlichen Geldsumme. Denn das Göttliche fährt durch den im Samadhi befindlichen Priester während des Aktes in die Frau ein. Ein alter Brauch, der überall so vollzogen wird.

Zu Dschaggernaut führen die Priester des Wischnu während des achttägigen, dem Gott geweihten Festes eine Jungfrau in den Tempel, die dort die Nacht zubringt, um sich mit dem Gotte zu vermählen und ihn über zu erwartende Dürre oder Erntesegen zu befragen. – Ihre Hingabe und die dabei durchgeführt Andacht stimmte in alten Zeiten den Gott günstig.

Über ein ähnliches Fest aus dem südlichen Malabar berichtet Kaempfer. Dem Gott des Wetters und des Erntesegens (eine Aufgabe des Fruchtbarkeitgottes Ball) werden Jungfrauen dargeboten, damit seine Geister sie besitzen (Sich mit ihnen verbinden) und durch den heiligen Akt die Herden und Feldfrüchte verschonen. Die Jungfrauen werden unter Begleitung der Brahmanen aus dem Tempel geführt und zur öffentlichen Besichtigung aufgestellt. Sie sind schön, wohlgeschmückt, ihr Antlitz ist bescheiden und trägt, wie Kaempfer hervorhebt, „nichts von Besessenheit an sich. Unverweilt aber, während ein Priester aus den Veden die (runischen) Sprüche vorliest, beginnen die Mädchen sich leicht zu bewegen, dann bald zu tanzen und endlich ihrer Leib durch Sprünge und schnelle ungeordnete Bewegungen zu ermüden, die Glieder und Augen zu verdrehen, zu schäumen und abscheuliche (sexuelle) Handlungen darzustellen; sie sind von den in sie gefahrenen Dämonen so bewegt werden. Während dies geschieht, erschallt fröhliche Musik von Zimbeln und Pauken und auch das Volk beteiligt sich mit Rufen und Seufzern. Wenn sie schlaff geworden, führen die Brahmanen sie in den Tempel zurück und lassen sie ausruhen. Nach Verlauf einer kurzen Stunde sind die Mädchen wieder bei Sinnen und werden aufs Neue dem Volke vorgeführt, damit die heidnische Schar sie wieder frei von den Geistern erblicke und das Götzenbild für versöhnt halte. Kaempfer gibt an, dass die Mädchen von den Priestern durch ein Arzneimittel in den Zustand der Raserei versetzt werden, aber die Hauptsache dürfte immerhin die Anrufung der Jungfrauen an die dämonische Besitzergreifung sein.

Lamairesse beschreibt die Gebräuche einer indischen Sekte, die bei ihren geheimen Orgien die Sakti, die sinnliche Offenbarung Sivas in weiblicher Form, anbeten. Die Sakti wird meist durch die Frau eines der Anwesenden dargestellt. Sie wird nackt auf einen Altar gelegt und von einem der Teilnehmer wird an ihr das rituelle Opfer durch den Koitus vollzogen. Die Zeremonie endet gewöhnlich mit einer allgemeinen Begattung, in der jedes Paar Siva und seine Sakti repräsentiert und mit ihnen identisch ist (vgl. die vielen Shakti-Tantra-Schriften). Aufgegangen (konzentriert und verbunden) in dem Gedanken an die Gottheit und ohne Befriedigung der Sinne zu suchen, nur das schöpferische Ziel im Auge haltend, muss der Gläubige diese Handlungen vollziehen. Die Vorschriften dieser Sekte sollen eine erhabene Moral, ja sogar Askese lehren.

Bei den Kauchiluas, einer anderen Shakta-Sekte, warfen die am Gottesdienst teilnehmenden Weiber einen kleinen Schmuckgegenstand in einen vom Priester verwahrten Kasten. Nach Beendigung der religiösen Feier nimmt jeder der männlichen Beter eins dieser Stücke heraus, worauf die Besitzerin

sich bei den nun folgenden rituellen Vereinigungen sich ihm hingeben muss,

selbst wenn sie seine eigne Schwester wäre.

Derartige Liebesfeste (des Kama Sutra) haben sich in Indien bis auf die heutige Zeit erhalten. Leclerc schildert in der Revue Indo-Chinoise ein Mondfest, dem beizuwohnen er Gelegenheit hatte. Obwohl schon seit mehr als 200 Jahren verboten, wird es alljährlich im Oktober bei Vollmond gefeiert. Der Mond ist nach chinesischen Begriffen weiblicher Natur (Shakti) und wird im fernen Osten als glückbringende Göttin der Fruchtbarkeit betrachtet. Die Frauen backen am Festtag große Bananenkuchen, die mit Einbruch der Nacht zusammen mit Blumen und Essenzen vor die Häuser gelegt werden (vgl. das Brotbacken bei Marby!). Über diesen rituell-analogen Opfergaben wird ein Bambusgestell mit Raucherkerzen befestigt, die im Moment des höchsten Mondstandes angezündet werden. Gleichzeitig erschallt der Prah-Gesang, ein Gruß an den Mond. Nach dem lautmagischen Gesang wird zu Spielen und rhythmischen Tänzen übergegangen, deren eigentlicher Sinn nicht lange verborgen bleiben kann. Die jungen Leute gehen alsbald paarweise auseinander, um der Göttin der Fruchtbarkeit ihre Säfte zu opfern.

Die Inder kannten auch das Opfer der geschlechtlichen Erstlinge. Duarte Barbosa wohnte im südlichen Dekhan der Entjungferung zehnjähriger, die in diesen Breiten jedoch schon der Reife nahen Mädchen bei, d. h. sie haben eine Libido und betätigen sich sexuell-masturbatorisch und wurden so auch erzogen. Aus etwas späterer Zeit stammen die Berichte des Jan Huygen van

Linschoten und des Gaspar Balbi über die Sitte der Einwohner von Goa, der Braut im Tempel ein männliches Glied von Eisen oder Elfenbein in die Scheide zu führen, so dass der Hymen zerstört wurde, oder auch die Genitalien der Mädchen mit dem steinernen Glied eines 18 Meilen von Goa entfernten Götzenbildes in Berührung zu bringen, das eine religiöse Handlung darstellt, wie sie in Babylon praktiziert wurde und nichts Anstößiges war. Durch diesen Pryapum wird den Jungfern mit Hilfe der gegenwärtigen Freunde und Verwandten auf eine zeremonielle Weise ihre Jungfernschaft genommen, worüber sich alsdann der Bräutigam erfreut, dass der schöpferische Gott ihm diese Ehre bewiesen, in der Hoffnung, er werde nun hinfort einen besseren Ehesegen erhalten. Bei richtiger Durchführung verhalf diese Zeremonie einen gesunden Kindersegen.

In Kambodja war die Pflicht, das Erstlingsopfer der Jungfrau in Empfang zu nehmen auf die Buddha- und Tao-Priester übergegangen (wie es im Altertum die Fürsten taten; vgl. Lanz von Liebenfels). In Sänften wurden sie zu den ihrer harrenden Mädchen getragen. Jedes Mädchen hatte eine Kerze mit einem Zeichen. Das tshinthan, die Zurichtung des Lagers, der Beischlaf, musste innerhalb des Abbrennens der Kerze bis zu diesem Zeichen geschehen.

Bei der Sekte der Maharajas beanspruchte das geistliche Haupt (der gottverbundene Priester) das Recht über die Weiber der Gläubigen, vor allem aber das Recht der nicht lustvollen, sondern der rituell-konzentrierten Entjungferung. Die Sekte proklamierte als höchste Gottesverehrung, die in getreuer Nachahmung der Hirtinnen, der Partnerinnen des Gottes Krishna, vollzogene Hingabe der Weiber an den Priester zum runischen Akt, was beim Hirtenspiel (vgl. die Schäferspiele der französischen Adeligen!) rasmandali im Herbst vor sich ging. Außerdem empfing der Priester für seine Tätigkeit noch ein Geschenk im Namen der Gottheit.

Dem Opfer der Geschlechterstlinge stand auch in Indien das dauernde Geschlechtsopfer der Tempelmädchen gegenüber. Jeder Hindutempel von einiger Bedeutung besitzt ein Arsenal Nautsches, d. h. besonders ausgebildete Tanzmädchen, die nächst den Opferern das höchste Ansehen im Tempelpersonal genießen, da sie eine außergewöhnliche Reife aufweisen, die nur sie zu diesen Handlungen befähigt. Diese von ihrer Kindheit her den

Göttern vermählten Priesterinnen gaben sich freiwillig von Berufswegen für jedermann aus jeder Kaste hin, und diese Preisgebung ist so weit entfernt, als Schande zu gelten, dass selbst angesehene Familien es vielmehr für eine Ehre achten, ihre Töchter dem Tempeldienst zu weihen. Das zählte zur tantrischen Entwicklung anhand der Gesetze des Lebensbaum! Allein in der Präsidentschaft Madras gibt es gegen 1200 dieser Tempelprostituierten.

 

1. Fortzsetzung:

 

6.3.26: Die japanischen Sintogottheiten sind wie viele althellenische Gottheiten Hermaphroditen, die aus sich selber herauszeugen können oder sich im Bedarfsfalle in zwei Wesen, ein männliches und ein weibliches spalten.  Nach einer japanischen Kosmogonie entsteht aus dem Weltei der Geist der Erde (Amun, der Hüter!) und der ist ein Wesen mit zwei Charakteren, von denen der eine das männliche, der andere das weibliche Element repräsentieren. Izanagi, der Gott-Schöpfer der Japaner, fischte das Land aus der wogenden Meerflut mit seinem himmlischen Juwelspeer Ame no tama-boko heraus. Nach der Erklärung des Sinto-Theologen Hirata (1776-1843) ist dieser Speer ein Phallus, dessen Eichel aus dem Juwel gebildet wird. Das männliche Glied bezeichnet auch das deutsche Volk als einen Speer. Um einen Phalluspfeiler herumgehend erkennen Izanagi und Izanami einander und zeugen die ersten Kinder unter Ausrufen höchster (runischer) Wollust.

In Japan steht noch jetzt der Geschlechtskult in vollster Blüte. Außer vielen Tempeln, die als einzige Symbole den Phallus und die Kteis enthalten stehen phallische Wahrzeichen im Innern des Landes auch häufig an den Wegen. Die Bevölkerung trägt ihre Wünsche je nach der besonderen Richtung, in der sie den Einzelnen bewegen, entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlechtszeichen vor. Die geltende Regel, dort einen Phallus zu opfern, um einen Gatten oder Sohn zu erlangen und eine Kteis, um eine Frau oder Tochter zu erbitten, schließt den allem Zauber innewohnenden Hintergedanken ein, dass Formähnlichkeit mit einem Ding Macht über das Ding sichere.

Wie Buckley in seiner Studie mitteilt, feiert jeder Tempel in Japan außer den großen nationalen Festen, eines zu Ehren der Gottheit, der er ganz besonders geweiht ist. Im Jahre 1892 besuchte ich zum zweiten Mal die Andachtsstätte in Konde gelegentlich eines Festes, das dort am 18. des dritten Monats (alten Stils) stattfindet. Dieses Fest tritt nur einen Tag früher ein als das vor der phallischen Stiftshütte von Morioka, und beide fallen offenkundig mit den Frühlingsfesten aller Völker zusammen (vgl. Maibaum-Fest). Dieses Fest bot keine anderen als die bei solcher Gelegenheit üblichen Züge dar. Ein Sinto-Priester, der für diese Gelegenheit von weither eingetroffen, brachte an dem Altar unter Gebetanrufungen – Stellung und lautmagischen Gesang – die üblichen Gaben an Reis, Kuchen und Früchten dar. Männer, Frauen und Kinder aus der Umgebung kamen und gingen wieder, nachdem sie ihre kleinen Gaben dargebracht und ein kurzes Gebet verrichtet haben. Das Benehmen aller war tadellos und ihre Haltung frei von jeder Verlegenheit, denn der Zweck ihrer Wanderung war geradheraus, geschlechtliche Gesundheit und Familienzuwachs von der Gottheit zu erbitten, deren Attribute sie am vorzüglichsten in den Stand versetzten, dies alles huldvoll zu gewähren. Nachfolgend ein Bericht über eine phallische Prozession, den Dresser mitteilt. „In dem nächsten Dorfe (auf dem Wege von Tokyo nach Nikko), in das wir gelangten, hielt man eine große Sinto-Festlichkeit ab. Tausende von Leuten lachten, schrien und folgten einem riesigen Wagen, ähnlich dem Jaggernauth-Wagen in Indien. Auf diesem Wagen ist eine von einer niederen Brustwehr umgebene Plattform, aus deren Mitte sich ein dreißig bis vierzig Fuß hoher Mast erhebt, von dessen Spitze die geschnittenen Papiere flattern, die die Sinto-Religion symbolisieren, während rings um den unteren Teil ein Zelt aus weißem und rotem Tuch an einem Reifen hängt. Auf der Plattform sitzen Musiker, die mit Gongen und Pfeifen eine grausam-künstliche Musik machen, und ein maskierter Schauspieler, dessen Darbietungen man sonst wo nicht dulden würde, treibt sein Spiel. Der Stock dieses Komödianten stellt unzweifelhaft sicher einen Phallus vor.“ – „Das folgende Fest kann leicht ein Überbleibsel eines vollständig phallischen sein und bietet Beweise für einen geschlechtlichen Symbolismus dar, der jetzt außerordentlich fremdartig erscheint. Man hält es in dem Hofe eines Buddhisten-Tempels ab, der vermutlich die ursprünglich roheren Riten aufnahm und milderte. Junge Leute beiderlei Geschlechts treffen einander in diesem Gwanzadaishi-Tempel, der auf dem halben Wege zum Berge Hiyei in einem Walde liegt, an einem Augustabende und verbringen die ganze Nacht mit einem eigenartigen magischen Tanze, bei dem sie gemischte Reihen bilden und sich unter gleichzeitiger Schwingung der Arme durch das Gedränge älterer und jüngerer Leute ihren Weg bahnen,

wobei sie eine Dichtung singen, die, nachdem sie Mitgefühl für einen gewissen Verbrecher Namens Gorobei bei seinem Verhör vor einem strengen Richter ausgedrückt, in erotischen Ergüssen eines jungen Weibes gipfelt. Den symbolischen Teil davon lege ich folgendermaßen aus: „Aus was für Wörtern soll ich meinen Liebesbrief zusammensetzen? Aus solchen, die sich auf Vögel, Fische oder Gemüse beziehen? Ja, ja, da ich eine Grünzeughändlerin bin, werde ich die Namen von Gemüsen anwenden.“ Nach mehreren vegetabilischen Metaphern und Wortspielen, die den passenden Ausdruck ihrer Leidenschaft (vgl. die Einstimmungen im Kama Sutra) bilden sollen, fährt sie fort: „Möchtet Ihr gern die erste Frucht der langen Bohne kosten? Wenn nicht, wollt Ihr versuchen die haarlose Pfirsich zu brechen? O schnell! Ich sehne mich nach dem Beischlaf mit dir!“

Man stellt in Japan den Phallus auch auf, um sich vor schlimmen Einflüssen zu schützen. – Wo man die Phallusgötter zur Abwehr böser Geister nicht zur Hand hat, hilft man sich im japanischen Volk durch Entblößung der (schöpferischen) Geschlechtsteile oder des Gesäßes oder man malt die betreffenden Zeichen ans Haus oder an den zu behütenden Gegenstand. – Überhaupt gilt die Entblößung der Geschlechtsteile bei vielen Völkern als unfehlbares Mittel, um die tierischen Dämonen zu verscheuchen wie ja ganz ähnlich sogar Martin Luther sich des ihn in der Nacht belästigenden Teufels nicht anders zu erwehren vermochte, als dass er ihm das entblößte Hinterteil zum Bette hinausstreckte. – In China verwendet man häufig, um Ungemach vom Hause fernzuhalten, Darstellungen des männlichen und weiblichen Prinzips - Jan und Jin –, die über den Haustüren angeklebt werden. – Die unfruchtbaren Chinesinnen begeben sich in die Tempel der Minos, wo sie, wie Reisende berichten, den Bauch, wahrscheinlich aber das Glied, der kupfernen Götzenbilder berühren (Sympathie-Magie!), in der Hoffnung, nun leichter zu empfangen. In Ägypten gab es Mysterien, die dem besonderen Kulte des Phallus gewidmet waren. Diodoros von Sizilien teilt mit, dass sich, die die Priester werden wollten, zuerst in diese Mysterien einweihen ließen.

Bei den Isisfeiern trugen deren Priester in den Umzügen die mystische Getreideschwinge, mit Korn und Kleie gefüllt, die aber nur das erstere behält und das zweite auswirft. Die Priester des Osiris führten das heilige Tau oder den Schlüssel (Phallus), der die bestverwahrtesten Schlösser (Vulva) öffnet. Dieses Tau ist das männliche Glied, die Schwinge der weibliche Geschlechtsteil. Hinzu trat noch das Auge mit oder ohne Brauen, um die Beziehungen beider Geschlechter zueinander anzudeuten. Bei den Osiris-Festen wurde von zwölf Priestern auf einer kostbaren Tragbahre mit einem von aufgeblühten Lotosblumen übersäten Teppich das Bild des Osiris mit dem Flegel oder der Geißel in der Hand und mit einem stark hervorstehenden Phallus – das schöpferische Prinzip – umhergetragen. In den Tempeln von Hermontis, Karnak bei Theben und an andern Orten Ägyptens befindliche Basreliefs stellen diese Umzugsfeierlichkeit und den im Triumph umhergeführten Phallusgott dar. Herodot bemerkt bezüglich der phallischen Festlichkeiten der Ägypter: Sie feiern das Bacchusfest auf die gleiche Weise wie die Griechen; aber anstatt des Phallus haben sie ungefähr 1½ Fuß hohe Figuren ersonnen, die mit einer Schnur bewegt werden. Die Weiber tragen in den Flecken und Dörfern diese Figuren herum, deren männliches Glied nicht

viel kleiner als die ganze Figur ist, und sie bewegen es im Rhythmus dabei. Ein Flötenspieler geht voran. Sie gehen hinter ihm und singen dazu Loblieder auf Bacchus. – Die Hathor Ägyptens wurde durch gesanglich und rituellen Geschlechtsgenuss geehrt. Ihren Festen wohnten ungeheure Menschenmengen bei. – War ein Apisstier eingegangen, so beeilten sich die ägyptischen Priester ihm einen Nachfolger zu geben. Hatte man diesen gefunden, so brachte man den lebenden Fetisch nach Erfüllung verschiedener Zeremonien und unter Veranstaltung von Feierlichkeiten zunächst nach Nikopolis. In dieser Stadt waren die Frauen berechtigt, vierzig

Tage lang den neuen Gott zu besichtigen. Nach Diodoros von Sizilien hoben sie ihre Kleider auf, zeigten dem Gotte ihre Scham und boten sich ihm an, mit ihn sexuellen Verkehr zu haben. Der Sinn dieser Zeremonie war, von dem allmächtigen Gotte durch den rhythmischen Akt Fruchtbarkeit zu erlangen. Einen gleichen religiösen, reinen und durchaus frommen Brauch zu dem gleichen Zwecke befolgten die ägyptischen Frauen auch vor den Bildsäulen des Priapus; ja sie gingen in ihrem religiösen Eifer noch weiter. Auch dem mendesischen Widder boten sich die Frauen an und überließen sich der kosmischen Begierde dieses Götterbildes – Götterbild im Sinne Lipperts als zeitweiliger Göttersitz –, um den vermeintlichen Zauber, der sie unfruchtbar machte, zu zerstören. Und tatsächlich wohnten und belebten damals die Götter in diesen Bildern! – In Griechenland finden wir das phallische Element in den Dionysien, in den Festen der Ceres und einiger anderer Gottheiten. Die großen Dionysien währten drei Tage. Vierzehn von dem Archonten Basileus gewählte Priesterinnen erschienen unter der Führung seiner Gemahlin bei dieser Feier. Ursprünglich wurden die Feste ohne Aufwand gefeiert. Plutarch sagt: „Nichts war einfacher und zugleich fröhlicher als die Art und Weise, mit der man früher in meiner Heimat die Dionysien feierte. Zwei Männer gingen an der Spitze des Zuges. Der eine trug einen Weinkrug und der andere einen Weinstock. Ein dritter führte einen Bock, ein vierter war mit einem Korbe Feigen beladen und das Abbild des Phallus schloss den Zug. – Man lässt heute diese beglückende Einfachheit außeracht.“ In späterer Zeit eröffneten den Zug Bacchantinnen, die mit Wasser gefüllte Gefäße trugen. Hierauf kamen durch ihre Sittenreinheit und ihre Geburt ausgezeichnete Jungfrauen, die Kanephores, die goldene Körbe trugen, in denen neben den Erstlingen aller Früchte, gezähmte Schlangen, Blumen, einige mystische Gegenstände wie Sesam, Salz, Rutenkraut, Efeu, Mohnköpfe, nadelförmige Kuchen, Placentae und der mit Blumen geschmückte Phallus lagen. Dieser Schar schlossen sich die Phallophoren an. Ihr Gesicht war mit einem Geflecht von Efeublättern, Quendel und Bärenklaue bedeckt, ihr Haupt schmückte ein dichter Kranz aus Efeu und Veilchen. Sie trugen den Amictus und das Augurenkleid und in den Händen hielten sie lange Stäbe, an deren Spitze Phalli hingen. Hierauf kam ein Chor von Musikern, die sangen oder auf das Fest bezügliche Gesänge auf ihren Instrumenten begleiteten. In den Zwischenpausen riefen sie: Evoe Bacche! io Bacche, io Bacche!, was so viel bedeutet wie: Heil dir Bacchus, hoch Bacchus und eine lautmagische Anrufung an den Gott des metaphysischen Rausches ist. Diesem Chor reihten sich die Ithyphallen an. Sie trugen nach Hesychius Weiberkleider. Athenäus berichtet, dass sie bekränzten Hauptes, mit geblümten Handschuhen und mit einer weißen Tunika halb bekleidet einhergegangen seien. Sie ahmten in ihren Gebärden und Haltung Betrunkene nach, den göttlichen Rausch (Gottverbundenheit) nachahmend; dabei sangen sie phallische Lieder und riefen Eithe, me Ithyphalle (Mögen die aufrechten Phallen mich umarmen, eine Anspielung auf das zeugende Prinzip)! Ihnen folgten die Träger der mystischen Schwinge und anderer geheiligter Gegenstände. Scharen von Bacchantinnen und Satyren erschienen oft in diesen Umzügen. Die Bacchantinnen waren halbnackt oder nur mit einem um die Schulter geworfenen Tigerfell bekleidet, ihr Haar war offen, in den Händen hielten sie brennende Fackeln oder den Thyrsos. Sie liefen in Verzückung (Samadhi) einher, brüllten Evoe und bedrohten und schlugen die Zuschauer. Mitunter führten sie phallisch-rituelle Tänze auf. Die Hauptsache dabei waren wollüstig-masturbatorische Bewegungen. Die Satyren führten blumengeschmückte Opferböcke und hierauf kam der auf einem Esel reitende, halbnackte Silen, der Ernährer des Bacchus. Areteus, ein Arzt des Altertums sagt, dass sich bei den Satyren die Begierde in deutlich sichtbarer Weise (dauernde Erregung durch den lautmagischen Ritus!) zeigte und dass ihre staunenswerte Dauer richtigerweise als eine Gnade des Himmels gepriesen wurde. Alles war dem göttlichen Sinn des Ritus unterworfen und von einer Frömmigkeit durchzogen, denn kein leidenschaftlicher Gedanke schlich sich bei diesem Ritus ein. Alles war auf das göttlich schöpferische Ziel gerichtet!

Interessant ist die Erzählung, mit der die Legende das Vorkommen der Phalli im Festzuge zu erklären sucht. Wir geben sie hier, da in ihr gut der Opfercharakter zum Ausdruck kommt, der allen während der Feierlichkeiten begangenen sexuellen Handlungen die Weihe gab und ihnen einen okkulten Sinn aufprägte. Die Sage erzählt, dass der Gott Bacchus auf der Suche nach seiner durch einen Blitzstrahl getöteten oder bei einem Brande ums Leben gekommenen Mutter Semele einem Jüngling namens Polymnon oder Prosunus begegnete. Dieser, der sich in Bacchus verliebte, versprach ihm, ihn zu seiner Mutter zu führen und ihm den Weg zur Unterwelt, wo diese weilte, zu weisen, wenn er sich ihm, nach Erfüllung dieses Versprechens, hingeben wolle. Bacchus sagt dies zu. Als er aber aus der Unterwelt zurückkehrte, war Polymnon, nach Zoega ein Todesgenius, gestorben. Bacchus pflanzte auf sein Grab einen aus dem Zweig eines Feigenbaumes (Weltenbaums) gefertigten Phallus, setzte sich nackt auf diesen und erfüllte in dieser Stellung, das dem Jüngling gegebene Versprechen vollständig. Die Stelle, an der Bacchus in die Unterwelt gestiegen war und die er bei seiner Rückkehr aufsuchte, soll sich am Alcyonischen See befunden haben. Die Feierlichkeiten durften, wie Pausanias bemerkt, nicht jedem bekannt werden. Auch bei den dem Apollo und der Diana geweihten runischen Kult-Festen, den am 6. des Monats Targelion, unserm Mai, stattfindenden Targelien wurde dem Phallus Verehrung gewidmet. Einen besonderen Kult empfing er von den Bewohnern Lampsakos, dem heutigen Lapsaki, einer an der asiatischen Küste des Hellespontes gelegenen Stadt. Man nannte ihn dort Priapos. Dem Priapos erwiesen auch noch andere Städte Griechenlands Ehre; überall traf man seine Bildnisse, hermenähnliche Säulen mit menschlichem Haupte und mehr oder weniger großem männlichem Gliede, und beging man seine Feste mit großem Gepränge. Man verlieh ihm den Beinamen: Erlöser der Welt, weil er das schöpferische Prinzip – die I-Rune - verkörperte! Als Opfer brachte man ihm Esel dar, sowie Blumen, Früchte, Honig, Milch und Wein. Mit den Blumen bekränzte man sein kräftig vorspringendes Körperteil und die Trankopfer goss man über diesen aus. Ja, die Andächtigsten oder Hilfsbedürftigsten küssten das geheiligte Glied und hingen an ihm als exvotos Nachbildungen (Weihgabe) ihrer Männlichkeit auf, damit er sie von Schaden heile oder davor bewahre. Diese Gegenstände werden aufgrund eines Gelübdes bzw. Verlöbnisses als symbolische Opfer öffentlich einer überirdischen Macht dargebracht. Dies geschieht insbesondere für die erfolgte oder gewünschte Rettung aus einer Notlage und häufig an einer kultischen Stätte.

Der Phallus spielte auch in den eleusinischen Mysterien eine Rolle und ebenso, wie es scheint, die Kteis, die magnetische Vulva. Sagt doch der Kirchenvater Tertullian: „Alles, was die Mysterien am heiligsten haben, alles, was mit so viel Sorgfalt geheim gehalten wird, was man nur erst sehr spät kennen lernt, was die Diener des Kults, die Epopten, so heiß ersehnen lassen, das ist das Abbild des männlichen Gliedes.“ Und Theodoretus bemerkt, dass man in den geheimen Orgien zu Eleusis ein Abbild der weiblichen Scham (die Os-Rune symbolisierend) verehrte.

In den kleinen eleusinischen Mysterien wurde die Geschichte des Raubes der Proserpina und des Suchens der Ceres dargestellt. Man sah, wie Gott Jupiter die Ceres nötigte, ihm zu willen zu sein; die Strafe, die er darauf an sich vollzog, um die Göttin zu besänftigen; die Geburt Proserpinas, und wie diese wiederum von ihrem eigenen Vater unter der Gestalt einer Schlange (Weisheit des Phallos) verführt wurde; endlich die Entführung der Proserpina durch Pluto und der Ceres Klage um die Verlorene, bei welcher Gelegenheit sie, nach der Legende, den Athenern die runisch-sexuellen Mysterien mitteilte.

 

2. Fortsetzung:

 

22.3.26: In den Mysterien der Venus stellte man die Verschneidung des Saturn dar. In den Mysterien des Jupiter Sabazius wurde dem Einzuweihenden eine goldene Schlange in den Busen gesteckt und von unten wieder hervorgeholt. Diese Schlange (Uroboros) hatte eine sexuelle Bedeutung. Im Dienst der Themis wurden als Symbole eine Leuchte, ein Schwert und ein Weiberkamm angewendet. Diese Gegenstände bezeichneten, wie Clemens von Alexandrien sagt, die weiblichen Organe (und diese wiederum verweisen auf Runen). In den lernäischen Mysterien stand die geschlechtliche Verehrung – mittels ekstatischen Gesanges, Gesten und Stellung – des durch einen Phallus dargestellten Dionysos obenan. Zu Athen, Korinth, auf der Insel Chios und anderswo bestand die Sekte der Bapten, die nächtlicherweile die Mysterien der Cottyto, einer volkstümlichen Venus, begingen. Man gab sich dabei gesetzmäßig-rituellen Handlungen hin, um der Göttin zu dienen und ihr Wohlwollen zu erlangen. Genau diese religiösen Sex-Riten entsprachen ihrem Wesen! In Elis verehrte man unter dem Titel „Retter des Landes“ Sosipolis, das göttliche Kind, das bis zu seiner Geburt in der Form der Schlange sich gezeigt hatte. Die Schlange aber ist das Symbol des Lebens (vgl. die Form der Is-Rune), d. h. ein phallisches Zeichen und findet sich häufig als Attribut göttlicher Welt- und Lebensschöpfer im Reinen und Unreinen. – Die Griechen feierten auch die Hochzeiten ihrer Götter. Die Riten wurden allerdings meist in strenger Heimlichkeit nur von auserwählten Priestern oder Beamten vollzogen. Die mystischen Gebräuche, deren selbst bei menschlichen Hochzeiten vorkamen, sind desto anschaulicher. Im Anfang des natürlichen Jahres, im Monat Gamelion, unserm Januar, wurde die erste heilige Hochzeit, die des Uranos und der Gäa gefeiert. Dazu wurden die Götter lautmagisch – den hermetischen Riten gemäß – angerufen. Gegen Ende desselben Monats war das Vorbild aller Hochzeiten, die des Zeus und der Hera. Hier scheinen sogar magische Weihen – Ekstasen – stattgefunden zu haben. Weiter ward die Vermählung des Zeus mit Demeter sowohl als mit Kora und daneben die des Hades mit Kora oder Persephone, die des Dionysos mit Ariadne und wieder mit Kora gefeiert, dessen göttliche Verbindung die Ausübenden einnahmen (vgl. die beiden Götter in der 1. Tarotkarte von Bardon). Die heilige Hochzeit, von der wir am genauesten unterrichtet sind, ist eine Vermählung des Dionysos, dem die Gattin des Archon-Königs an den Choen, dem zweiten Tage der Anthestenen, nach vorangegangenen Opfern angetraut wurde. Ob sie die Kora oder symbolisch die Stadt Athen oder Ariadne vorstellte, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Gottverbundenheit der Priester vollzogen werden konnte, denn sonst hätte die religiöse Handlung keine Wirkung (vgl. die Baphomet-Lilith-Stellung von Dr. Hemberger). – Der griechischen Phallus- und Priapuskult hat sich im Geheimen bis heute erhalten, wenn auch hinter verschlossenen Türen. Es bildete sich auch in den Orphikern eine neue dem Phallusdienst ergebene Sekte (damit sind die verschiedenen Logen gemeint). Die Orphiker, eine magische Sekte, die in den Mittelpunkt ihrer pantheistischen Theogonie Dionysos stellte, waren verpflichtet, ein strenges, enthaltsames Leben nach den kosmischen Gesetzen zu führen; ja sogar Selbstpeinigungen waren ihnen vorgeschrieben. Auch fehlte bei den Festen der Orphiker das orgiastisch-rituelle Element nicht. – Okkulte Gründe haben auch bei der Knabenliebe der Griechen mitgespielt. Die Griechen haben ihre Bevorzugung dieser Liebe plausibel zu machen gesucht durch die Annahme, auf diese Weise würden die Tugenden des Liebenden durch die schöpferische Ekstase auf den Geliebten übertragen. Die Übertragung konnte nach altgriechischer Meinung nur fleischlich geschehen, nur durch Befleckung des göttlich verwandelten Samens (Vaginalsekret), der die Seele Gottes (Akasha) enthielt. Es mussten also sexualmagisch Handlungen vorgenommen werden (vgl. die Praktiken auf Lesbos). – Auf der griechischen Insel Thera, die früher Kalliste, die Schönste, hieß und als heilige Insel galt, finden sich in der Nähe des Tempels des Apollo Karneies Steine mit Inschriften, die die Tatsache festhalten, dass an dieser Stelle, nicht weit von dem dort errichteten Ephebengymnasium, unter feierlichem Zeremoniell, nach vorausgegangenem festlichem runischen Reigentanze die physische Vereinigung zwischen Liebendem und Geliebten stattfand. Das Corpus inscriptionum Graecarum bringt in seinem XII. Bande, 3 No. 536-601 und im Supplement unter No. 1410-1493 eine große Zahl derartiger Inschriften. Hier nur die erste: „Phidippidas hatte Sex. Timagoras, Enpheres und ich hatten Sex. Enpedokles hatte Sex hier und tanzte für Apollo.“ Alles drehte sich um die Götter! Nach diesen Inschriften könnte man fast der Vermutung zustimmen, dass der erste Liebesakt zu Ehren der Götter vollzogen wurde und eine angenommene metaphysische Bedeutung hatte (siehe Lanz von Liebenfels). Die Feste des Apollo Karneios boten auch die Gelegenheit, die Schönsten und Gewandtesten kennen zu lernen und zu erobern, denn alle Tugenden können und werden während den Riten übertragen. – Allerdings brachte man auch bei einigen anderen Völkern die Knabenliebe mit dem Gottesdienst in Verbindung, wie aus der Bezeichnung puer sanctus, heiliger gottgeweihter Knabe, für puer mollis, kinaeda, Buhlknabe, hervorgeht, die die römischen Schriftsteller erwähnen. Helvetius teilt mit, dass man in gewissen Gegenden von Peru die Päderastie als eine zu Ehren der Götter vorgenommene (religiöse) Handlung ausgeübt habe. Und noch heute ist in Japan dem einflussreichen Priesterstand der Gebrauch der Frauen als eine unflätige und verabscheuungswürdige Sache verboten, dagegen die Liebe zu Knaben als ehrbar und heilig – da dies gnostisch-templerisch zu sehen ist und dem Buchstaben Ä (Anus) zusammenhängt – erlaubt. – Bei den Römern war die Zahl der Liebesgötter besonders umfangreich. Nie drängten sie besiegten Stämmen ihre Gottheiten auf, oft aber übernahmen sie deren Anbetungsobjekte (Name und Stellung/Gesten) und widmeten ihnen von Staatswegen einen Kult, damit nur ja keiner der Unsichtbaren erzürnt und dem römischen Weltreich gefährlich werde. Die meisten dieser Verehrten waren aber, wie dies in ihrer Natur lag, Schützer des Geschlechtslebens und demgemäß trugen auch die Zeremonien ihres Dienstes sexuellen Charakter. Flora, die Göttin der Fruchtbarkeit, die liebe Buhle der altitalischen Sabiner, wurde durch geschlechtlich-religiöse Zeremonien geehrt. Zu Ehren der Dea Perfica, Dea Pertunda, des Mutunus Tutunus, deren Name schon auf die (rituell-festliche) Entjungferung deutet, setzte sich die ekstatische Braut auf das Glied der Priapusstatuen, um auf diese Weise ihre Virginität und Säfte der Gottheit unter Gesang und Rhythmen zu opfern. Der Sage nach soll sogar die Empfängnis der Ocrisia (Mutter des Servius Tullius, des sagenhaften sechsten Königs von Rom) auf diese Weise durch den Gott erfolgt sein. – Auch die Römer verehrten den Bock (Mendes), allerdings in einer Abschwächung des ursprünglich ägyptischen ähnlichen Widder-Kultes. Ovid erzählt darüber: Die Römer, die ungern sahen, dass die geraubten Sabinerinnen unfruchtbar blieben, gingen in den heiligen Hain des Aesquinibus die Göttin Juno anzurufen. Das Orakel erklärte: Durch einen Bock (durch die göttliche Potenz) seien die Frauen zu befruchten. Die Ratsuchenden waren über diese Auskunft nicht eben erbaut und nicht geneigt, sie zu befolgen. Ein etrurischer Wahrsager erläuterte sie jedoch dahin, dass die unfruchtbaren Frauen sich den Rücken oder den Unterleib mit Riemen aus Bockhäuten zur Belebung schlagen lassen müssten. Dies wurde beim Fest der Luperealien geübt. Am 23. Februar, dem Tage des Festes durchliefen nackte oder halbnackte Jünglinge, ausgerüstet mit dem Messer, womit sie die Böcke hingeschlachtet hatten und mit Geißeln aus Bockshäuten – mit dem göttlichen Blut benetzt – die Stadt und schlugen alle ihnen entgegenkommenden Personen. Die Frauen hielten ihnen, in der Hoffnung, fruchtbar zu werden und schöne Kinder zu bekommen, die nackten Vulven hin, dass sie sie kräftig mit der Geißel berührten. Man sieht, dass sich bei den Römern die Zeremonie von der zu Mendes unterschied. Der Bock spielte nicht die Hauptrolle dabei, aber er war doch dabei vertreten. Das Motiv war dasselbe. Das Gleiche gilt auch für eine an den Beschneidungsfesten der Massai geübte Zeremonie. Zu diesen Feiern finden sich viele Frauen ein, vor allem die Unfruchtbaren. Sie lassen sich von den für die Beschneidung bestimmten Knaben mitfrischem Rindermist (steht für den irdisch-kabbalistischen Buchstaben Ä) bewerfen, wodurch sie fruchtbar zu werden hoffen. – Bacchus, dessen Kult den Römern erst nach der Zeit der Könige zukam, bezeichneten sie ziemlich allgemein als Liber oder Paterliber, ebenso nannten sie die Venus Libera. Das männliche Schamglied ist in dem Tempel des Liber geheiligt, das weibliche in den Heiligtümern der Libera. Diese beiden Götter werden Vater und Mutter genannt (vgl. Lingam und Yoni in Indien!), weil sie dem Zeugungsakt vorstehen. Den einzelnen Phallus nannten die Römer Mutinus oder Tutinus; Priapus war der an einer Herme oder Grenzsäule – die Gottheit symbolisierend – angebrachte Phallus. Beide Formen waren Symbol der männlichen Zeugungskraft und der weiblichen Fruchtbarkeit, man glaubte, dass sie allen der Heirat wie der Schwangerschaft schädlichen Zauber abzuwenden geeignet seien, was seine Berechtigung hat! – Bei dem am 17. März stattfindenden Fest der Liberalien wurde in der Stadt ein riesiger Phallus herumgefahren. Auf dem Marktplatz angelangt, machte man Halt und die angesehenste Familienmutter kränzte das Bild, damit Liber eine fruchtreiche Ernte gewährte und jeden Zauber von den Feldern fernhalte, denn die Geschlechtsorgane verkörpern jede Idee des schöpferischen Prinzips. – Ende März feierte man das Fest der Venus. Ihren Kult (der Vulva) vereinte man wie auch in Griechenland, Syrien und Ägypten mit dem des Phallus. Am Tage des Festes begaben sich die Römerinnen in feierlichem Aufzuge auf den Quirinal-Hügel und holten aus dem dort befindlichen Tempel den Phallus, den sie nach dem vor dem Collin-Tore gelegenen Tempel der Venus trugen, wo er dem Bild der Göttin auf den Schoß – zur Vereinigung von Plus und Minus – gelegt wurde. Ebenso feierlich wurde er wieder zurückgeführt. Die eifrigsten Anbeterinnen bewiesen der Göttin ihre Frömmigkeit dadurch, dass sie dem Besuch des Tempels einen solchen der öffentlichen Badestube folgen ließen (und dort mit den Männern zu wohltätigen) und der Göttin wie ihnen angenehmen Werken sich vereinten und den ätherischen Saft zur Erfüllung ihrer Wünsche spendeten. – Die römischen Bacchanalien sollen die griechischen Dyonisien noch an rituellen Handlungen übertroffen haben. Anfänglich wurden die feierlichen (masturbatorischen) Zeremonien am Tage und von Frauen allein vollzogen. Später ließ man auch Männer zu und nun begannen die eigentlichen Riten. Man verlegte das Fest in die Nacht und hielt es jeden Monat während fünf Tagen ab, während man es vordem nur jährlich während dreier Tage feierte. Die zugelassenen Jünglinge waren nicht älter als zwanzig Jahre. Sie wurden von den Priestern in unterirdische Räume gebracht, wo sie in magische Kulte eingeweiht wurden. Die erotischen Zeremonien regten immer zu neuen sexuellen Bewegungen an. Jedes Alter, jedes Geschlecht vermischte sich, jedes folgte seinen Entsprechungen. Dazu gab es kein Schamgefühl, kein Lästern und alle Arten der sexuellen Verfahren wurden ausgeübt. Man ließ nur fähige Neulinge zu. Man traf bei diesen nächtlichen Zusammenkünften Leute aus allen Gesellschaftsklassen. Die Zahl der Eingeweihten war übermäßig groß. Es war keine Gesellschaft mehr, es war eine Volksmenge (wie beim Hexensabbat), die an diesen Zeremonien teilnahm. Schließlich wurden die Bacchanalien vom Senat verboten, aber nicht etwa wegen der bei ihrer Abhaltung stattfindenden Exzesse, das wagte der Senat nicht, denn diese standen unter dem Schutze der Gottheit und geschahen in ihrem Dienst wie ihr zu Ehren. Da aber die Eingeweihten sich auch politischer Umtriebe verdächtig gemacht hatten, so war man aus Staatsgründen gezwungen, dem Kult diese gefährliche Spitze abzubrechen. Dass es nur das staatsgefährdende Moment war, das die Auflösung der Zusammenkünfte durch den Senat veranlasste, beweist am besten der Umstand, dass man die Mysterien der Bona Dea weiter bestehen ließ, bei denen es, trotz des Fehlens der Männer, nicht minder toll zuging. Wie es bei den Festen dieses Kultes zuging, schildert Juvenal, wenn auch mit dichterischen Worten: „Sie sind uns bekannt, die geheimen Bräuche der Bona Dea. Diese geilen Mänaden laufen mit fliegenden Haaren herum, betäubt von dem Schall der Trompeten und berauscht vom Wein und rufen heulend Priapus um Beistand an. Wer könnte die sie verzehrende Geilheit beschreiben? Wer könnte ihre (masturbatorischen Gesten und Stellungen) von Geschrei begleiteten Tänze schildern? Wer könnte die Ströme von Wein angeben, womit sie sich übergossen (und dadurch die Ekstase hervorriefen)? Seht Saufeja, die mit Blumen in der Hand sogar die Mägde der gemeinsten Buhldirnen zur Unzucht verleiten will und den Preis der Wollust davonträgt; Maedullina aber übertrifft sie in der Kunst der unzüchtigen Stellungen und Bewegungen. Die größte Zügellosigkeit bringt hier den höchsten Ruhm ein. Nichts ist hier Schein, alles, was sie tun, ist echt und unverfälscht. Ihre Geilheit würde die abgelebtesten, ältesten Greise, Priamus und Nestor in Hitze bringen, wenn sie das Schauspiel ohne Entrüstung ansehen könnten. Diese Furien, die unaufhörlich von ihren wilden unerträglichen Gelüsten gepeinigt werden, erfüllen bald das unterirdische Gewölbe mit ihrem Geschrei: „Man schaffe Männer herbei, es ist die höchste Zeit! Sollte mein Geliebter eingeschlafen sein? – Man rüttle ihn aus dem Schlaf. Der Geliebte kommt nicht. Lasst Sklaven kommen, wenn ihr keine findet, so bringt einen Wasserträger herbei.“ Schließlich geben sich die Frauen rituell einem Esel hin und vollzogen mit ihm den schöpferisch-tierischen Akt, welcher zur Gnosis gehört. – Von den nächtlichen Mysterien des Priapuskultes erzählt Petronius, dass in den Tempeln dieser Gottheit gegen Abend des Festtages zahlreiche Weiber sich versammelten. Jede trug in der rechten einen großen ledernen Priap, ihre in Phallusform verehrte und geweihte Gottheit, mit der sie ihre Riten vollzogen, um ihm ihren Saft im Räucherfeuer zu opfern. Man brachte dem Gotte außer Honig und Milch Myrtenzweige, das Zeichen glücklicher Liebe, dar. Geschlechtlich Erkrankte oder Impotente opferten Nachbildungen ihres Gliedes aus Wachs, Holz oder Marmor in der Hoffnung auf Wiederherstellung. Den von den Römern übernommenen kleinasiatischen Kult der Kybele stattete man in der ausgesuchtesten Weise aus und feierte ihre Feste mit großem Gepränge. Am 22. März wurde der Pinienhain der Göttin, ein schöner Baum mit wollenen Binden umwickelt, an seine Zweige die Symbole des Kultes, Krummstab, Tympana, Flöten, Klapperbleche gehängt und das Ganze reichlich mit frischen Veilchen und allen Erstlingen des Frühlings geschmückt. Dazwischen wurde die Figur eines Jünglings, des entmannten, gestorbenen und in eine Fichte verwandelten Attis, des Lieblings der Kybele, aufgehängt. Dieser Baum wurde abgehauen und feierlich in das Heiligtum der großen Mutter getragen. Es folgte eine Zeit des Fastens, der Trauer und bitterer, ekstatischer Klage. Auf die Trauer folgte am 25. März (kosmische Tage) Freude und Jubel. Attis wurde nun, da der Tag merkbar den Sieg über die Nacht gewann, als wieder aufgelebt und der Göttin wiedergegeben gefeiert. Nach einem Ruhetag fand ein festlicher Umzug statt. Das Bild der Göttermutter wurde auf einem von Rindern gezogenen Wagen, umdrängt und umwogt von einer buntgekleideten, vielfach maskierten Menge (mit Symbolen der Gottheit), die sich vor Freude jeglichen Scherz erlaubte, durch die Stadt zum Fluss gefahren und dort gebadet, während auf die Zeugung bezügliche Liebeslieder gesungen wurden. – Das Opfer der Jungfrauschaft, das der auch nach Rom verpflanzte Kult der syrischen Astarte und Mylitta von allen Mädchen forderte, wurde deshalb geleistet, weil man durch das Blut des Hymens vermengt mit dem Vaginalsekret der Vulva die Gunst der Göttin für die spätere Ehe nicht nur zu erlangen glaubte, sondern bei richtiger konzentrierter Einstellung auch tatsächlich erlangte. Kein Mädchen entzog sich der Hingabe an einen den Tempel dieser Göttin aufsuchenden Fremden, denn die Liebe zur Gottheit vereinigte die Liebenden im vollzogenen Brauch. Nur das zählte! Doch nicht nur die Mädchen auch die Jünglinge opferten sich in einzelnen Kulten den Göttern durch ihre Hingabe.

 

 

Fortsetzung folgt in einem bald erscheinenden Buch!